Kreta (1/2)

Karibikblau? Kretablau! In allen Schattierungen von Smaragd über Türkis bis Azurblau umspült das Mittelmeer die griechische Insel Kreta, die sich wie ein Urzeittier mit spitzer Nase und langgezogenem Körper etwa hundert Kilometer vom Festland entfernt im Wasser räkelt. Sie ist Griechenlands größte Insel und für ihre abwechslungsreiche Landschaft bekannt – vom feinen Strand in Elafonisi im Südwesten bis hin zu den Weißen Bergen, Lefka Ori, im Westen, deren höchste Gebiete bis in den Hochsommer hinein Schnee bedecken. Der Mythologie zufolge wurde Zeus auf Kreta geboren, der Vater der Götter und Menschen. Und zwar in einer Höhle in der Nähe des Dorfes Psychro auf der karstigen Lassithi-Hochebene, auf der Windmühlen mit weißen Segeln stehen. Durch sie gleicht die Anhöhe im Frühling einer Wiese mit riesengroßen Margeriten. Die Höhle führt meterweit in die Felsen, und mit jedem Schritt wird die Luft kühler und erdiger. Farbiges Licht strahlt die mächtigen Stalaktiten an, die wie knorrige Luftwurzeln von der Decke hängen. In diesem weitverzweigten Labyrinth soll Zeus von der Nymphe Amaltheia aufgezogen und mit der Milch einer Agrimi-Ziege genährt worden sein. Die Wildziege mit dem milchkaffeebraunen Fell lebt tatsächlich auf Kreta, aber nur wenige Einheimische oder Touristen bekommen das scheue und vom Aussterben bedrohte Tier zu Gesicht. Wer sein Glück versuchen möchte, begibt sich am besten in die wildromantische Samaria-Schlucht in den Weißen Bergen des Regionalbezirks Chania und wandert durch den tiefen Einschnitt in den Felsen bis zum Libyschen Meer. Vielleicht lässt sich eine Ziege in den uralten Pinien- und Zypressenwäldern direkt am Eingang der Schlucht entdecken oder auf den mächtigen Steinen eines ausgetrockneten Flusses. Währenddessen kreisen Steinadler oder Bartgeier an einem meist wolkenlosen Himmel.

Foto: GNTO/Y. Skoulas

,,Wo das Herz und die Seele sich die Hand geben, da ist Kreta.“
KRETISCHES SPRICHWORT

Hauptbild: GNTO/Y. Skoulas